Michael Weisser

 
Ich habe Menschen nach ihrer Phantasienschmiede befragt. Hier sind ihre Antworten.
 
 

Die folgenden Statements sind dem Interview Michael Weisser mit Chriz Wagner entnommen, siehe „WhitePaperCollection“ Edit_08, erschienen auf allen ePub-Plattformen

Siehe:

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Michael Weisser

…schreibt seine SF-Romane zwischen HighTech und SoftTouch!

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CW: 1. Wo schreibst Du Deine Bücher?

MW: Seit 1980 steht mir ein Atelier mit vier Räumen zur Verfügung. Dieses Atelier liegt im Souterrain eines sogenannten Altbremer-Hauses aus dem Jahr 1908 – es war die Zeit des Jugendstils. Nach hinten gehen bei dieser Bauweise die Souterrainwohnungen ebenerdig in den Garten, das hat für mich einen Vorteil, weil ich hier auf einer Terrasse umgeben von Bambus und Rosensträuchern sitzen kann. Ein im Wind rauschender Bambus und der Duft der Blüten… das ist für mich per se schon sehr inspirierend.

Mein Fenster (vor dem eine lange Arbeitsplatte die Hälfte des Raumes einnimmt, ermöglicht den Blick in den Garten. Aber dieses Fenster ist durch eine Jalousie abgedunkelt, weil direkt davor ein iMac-Screen steht. Der Blick nach draußen in den Garten mit seinem Eigenleben würde mich zu sehr vom Bildschirm und damit von der Arbeit ablenken! Wenn ich also Ablenkung brauche, dann suche ich sie, denn neben dem Arbeitsplatz führt eine Tür über die Terrasse in den Garten.
Die anderen drei Räume sind mit langen Arbeitsflächen für die Ausbreitung von Text- oder Bildprojekten funktional eingerichtet und haben durch viele Bilder, die an den Wänden hängen einen Galerie-Charakter.

Doch dieses „Atelier“ ist nicht mein einziger „Raum“, an dem ich arbeite. Weitere Räume sind Straßencafés, bei denen ich mitten im Treiben der Stadt sitze und mich von der Atmosphäre innen oder außen inspirieren lasse. Ich lese, esse, sehe mich um, trinke Kaffee, höre in das Rauschen der vorbeilaufenden Stimmen und denke nach. Hier entstehen meist die Konzepte und Skizzen, die ich später im Atelier in Ruhe ausarbeite.

Den dritten großen „Raum“ bieten meine jährlichen Reisen an ferne, oft exotische Orte. Auf diesen Reisen beschäftige ich mich mit „Ästhetischen Feldforschungen“, bei denen ich Fotos und Klänge aufzeichne, das betrifft meine künstlerische Arbeit.

Fünf Orte der Inspiration:

 

Abbildung 01: ArbeitsAlltag

 

Abbildung 02: IdeenStrudel im Cappuccino

 

Abbildung 03: Zwischen SequoiaBäumen

 

Abbildung 04: Inchnadamph ParisChurch Cemetery

 

Abbildung 05: BohrInsel im Atlantik

 

CW: 2. Was ist das Besondere an diesem Atelier-Ort?

MW: Das Besondere an meiner Arbeitsraum in Bremen ist der starke Kontrast von Natur (außen) und Technik (innen). Funktionen wie lange, deckenhohe Bücherregale sowie Kommunikations- und Arbeitstechnik (Rechner, Scanner, TV, Stereo-Aktivboxen, Fax, Aktenschredder, Kopierer etc.) prägen diesen Raum. Zwei große Magnettafeln sammeln Fotos, Karten, Notizen zu einem Gesamtbild, das von der Intuition komponiert wird. Dieses Bild wächst und verändert sich ständig. Einige Male habe ich die komplette Objektwelt als ein “freeze!” auf eine 100x100cm große Leinwand übertragen und unter Plexiglas als „individuelle Mythologien“ fixiert. Dann sind die Flächen wieder leer und füllen sich langsam. Die freien Wandflächen des Raumes sind voll von meist technischen Objekten (alte Smartphones, Platinen, Bilder) es herrscht ein geordnetes Chaos.

Das Besondere dieses Ortes mag seine Überfüllung mit Objekten sein, die man in der Kunst “Trouvés” nennt, die als Erinnerungsstücke auf mich anregend wirken und ständig zu neuen Verknüpfungen inspirieren. Wer mich besucht äußert oft, all dies anregend zu empfinden aber unter dieser Fülle der Eindrücke vor lauter Ablenkung nicht arbeiten zu können.

 

CW: 3. Welche Hilfsmittel benutzt Du zum Schreiben?

MW: Als „Hilfsmittel“ zur Stimulation von Kreativität bzw. der Vorstufe, der Inspiration, nutze ich generell das Rauschen in meinem Kopf und Körper, das ständig Fragen fragt und Antworten gibt und zwar auf alles, was mir begegnet. Das können ganz banale Alltagserlebnisse sein, das können echte Probleme sein, die in notwendige Reparaturen oder in spielerische Verbesserungen münden, das können aber auch pure Gedanken sein. Wenn ich diesen Ansturm in eine Berufsbezeichnung fassen müsste, dann würde ich meine Profession „Problemlöser“ oder „Optimierer“ nennen. Mein Tätigkeitsfeld „Kunst mit neuen Medien“ entspricht glücklicher Weise genau diesem Bild.

Gern rege ich mich über die Eigenaktivität der Gedanken hinaus mit den üblichen „Drogen“ Tee, Cappuccino, italienischer Käse, Highland Malt, VegaFina (der Duft der DomRep) an. Rausch wird auf viele Weisen erzeugt – die Natur ist reichlich bestückt ;-)))
Aber auch Reisen durch fremdes Land an fremde Orte wirken ebenso inspirierend wie Reisen durch mein Alltagsleben, das ich ständig mit anderen Augen sehen und erleben kann… und bei allem Sehen darf man das Hören und auch das Riechen nicht vergessen.
Es gab Phasen in meiner Arbeit, da habe ich von morgens bis abends Musik gehört. Früher Klaus Schulze (Irrlicht, Timewind, Totem) und Dead can Dance (The host of Seraphim mit Lisa Gerrard) und Nina Simone (Strange Fruit, Sinnerman, For myself) und das Requiem von Mozart in der Version mit den Wiener Philharmonikern, Karl Böhm)… dann habe ich über viele Jahre hinweg sehr intensiv selber Musik, E-Musik (mit neuen Klangfarben) produziert, was inspirierend war (insbesondere unsere Alben „Heaven-to-Hell“ und „Fire-Works“)… und natürlich die Musik des Alltags nicht zu vergessen (manche nennen das Lärm) ;-)))

Früher habe ich meine SF-Romane in dieser Situation geschrieben, dann einige Fachbücher über Ästhetik der Alltagswelt – heute entstehen hier Kunst-Konzepte und neuerdings auch meine Interviews und Dialoge ;-)))

Eine ganz besondere Art der „Anregung“ lässt sich gewinnen, wenn man den Schaum eines Cappuccinos langsam mit dem Löffel rührt und in den sich bildenden Strudel sieht…

 

www.MikeWeisser.de
www.QR-Lab.de

Mehr zum Thema „kreative Orte“ in:

Michael Weisser
„neugierig:denken!“ – Interviews und Dialoge zum künstlerisch-kreativen und non-linearen Denken mit Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.
QR-HybridBuch bei Die|QR|Edition, Murnau am Staffelsee, 9/2016.
210 × 210 mm, 65 Abbildungen, 384 Seiten
Softcover: ISBN 978 3 95765 070 2
Braucht die Welt der Zukunft eine neue Methode des Denkens?
Wie denken wir? Wohin gehen wir? Was wollen wir?’

 
 
 
Danke Michael für Deinen außergewöhnlichen Beitrag!
 
Bildquelle: Michael Weisser